Er/sie oder ich-es kann nur einen geben

erstellt am: 06.01.2019 | Kategorie(n): Allgemein, ARTIKEL

Es ist beinahe zwei Jahre her, dass ich das erste Video zum Thema Narzissmus hochgeladen habe. In den ersten sechs Monate ergoss sich eine Flut von Kommentaren, in erster Linie von Partner/innen, die eine aktuelle oder vergangene Beziehung mit einem Narzissten/in führten.

In den darauf folgenden Videos bemühte ich mich, das Verständnis für das Muster “Narzissmus” über die alleinige Beziehung zwischen Mann und Frau hinaus zu sensibilisieren.

Zum Jahreswechsel kamen neue Kommentare, Emails und auch Anrufe, die sich auf das Video bezogen. In diesen Feedbacks ist eine deutlich neue Qualität des Begreifens zu erkennen. Das ist eine großartige Entwicklung! Es zeigt, dass das Thema reif ist, verstanden zu werden.

 

Es bestätigt unsere voranschreitende Erweiterung des Bewusstseins, auch bei Menschen, die sich nicht damit beschäftigen. Über unser Bewusstsein sind wir miteinander verbunden und vom Fortschritt einzelner Menschen, profitieren alle. Die Information ist in der Matrix.

 

Passend dazu -weil es immer so ist- hatte ich Klienten mit den typischen Symptomen und Problemen wie sie Kinder von narzisstischen Eltern zeigen. Einige Klienten hatten sich schon vorgearbeitet und waren sich der Auswirkungen aus der Kindheit bewusst, für andere steht die Erkenntnis noch an.

Für eine Klientin war das Erkennen ihres Vaters eine erschütternde Erfahrung und gleichzeitig die Erklärung für ihre lebenslangen Ängste, Panikattacken und Minderwertigkeitsgefühle. Sie formulierte die Aussage “er oder ich”. Diese Aussage bringt die Gefühlslage der Betroffenen auf den Punkt. Es geht um die nackte Existenz.

 

Das Kind eines narzisstischen Elternteils wird wie ein Bonsai-Bäumchen ständig an den treibenden Wurzeln beschnitten, die Negierung der Gefühle, die permanente Kontrolle von Gedanken und Handlungen lässt die Ausreifung eines gesundes Selbstgefühls/bildes ersterben. Weil es darf nur “ihn” oder “sie” geben. Im Umfeld des Narzissten darf nichts anderes existieren.

 

Eine andere Klientin erkannte: “Es ging nie um mich.” Tatsächlich hatte ihr kindliches Erleben nichts mit ihr zu tun, so wie sie war oder was sie tat. Er ging nur um die Mutter, deren Bedürfnisse und Zustände.

Die dauerhafte Zurückweisung durch Auslachen, Verspottung, in die Lächerlichkeit gezogenen Bedürfnisse des Kindes, oder gar durch Aggression, Bestrafung und Gewalt zerstörten Impulse lassen der Entwicklung keine Chance. Stattdessen werden Schuld-und Schamgefühle implantiert, weil das Kind so ist wie es ist. “Weil nur der/die Narzisst/in richtig, kompetent, intelligent ist, so krank ist, ein schweres Leben hat…”

Die narzisstische Persönlichkeit braucht um ihr instabiles Selbstbild zu festigen/erhöhen, die Erniedrigung anderer. Und wo ist das einfacher, als bei einem Kind, dem jede Lebenserfahrung und Vergleichsmöglichkeit fehlen.

 

Wir kommen auf diese Welt und alles in uns ist auf Wachstum ausgelegt. Die Entfaltung unserer Potentiale und Interessen, die kindliche Begeisterung für alles, das erfahren werden möchte. Für ein Kind ist die Welt völlig neu! Das Ausprobieren und Experimentieren des eigenen Wesens -im Idealfall im geschützten und liebevollen Rahmen der Familie- ist essentiell für ein Erwachsen in ein positives, tragfähiges Lebensgefühl.

 

Die gute Nachricht ist, dass dieses Streben nach Wachstum zeitlich UNBEGRENZT ist. Auch wenn Sie unter den beschriebenen Bedingungen aufwuchsen, ist das Streben weiter zu wachsen, in Ihnen angelegt. Nach dem Motto, besser spät als nie, lassen Sie sich auf diesen inneren Impuls ein, entfesseln Sie die durch schlechte Gefühle gebundenen Kräfte in Ihrem Inneren.

Oder verkehren Sie die Botschaft:

Gerade weil ich nicht sein durfte, bin ich jetzt umso mehr.

 

Die Zeit ist reif, die Erkenntnis ist gewonnen, der Schleier gelüftet, das Verständnis für die eigene Situation und Kraft breiten sich aus,  Ihre Schwingung erhöht sich. Und obwohl da noch Schmerz ist, ist das WACHSEN WOLLEN stärker.

Genau das wünsche ich Ihnen für dieses neue Jahr 2019, die Bereitschaft, den Mut, die Lust und Leidenschaft zu wachsen.

 

 

 

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Auf den Punkt gebracht…
liebe Bettina Baumann zuerst bedanke ich mich herzlich für deine wertvolle Arbeit.
Ich hatte einen narzisstischen Vater, habe ganz jung einen eben solchen mann geheiratet.34 jahre war ich mit ihm zusammen….ich kann sagen, dass mir nicht nur wurzeln sondern auch meine flügel gestutzt wurden…in diesem jahr werde ich 73 jahre alt …und mein größter wunsch ist zu wachsen und zu erblühen..das ist.richtig schwer!

Liebe Christa, bei all dem Schmerz und den Erinnerungen, kannst Du sagen, dass Du es überlebt hast! Und das Leben im Hier und Jetzt hat immer Vorrang.
Beginne Dich selbst viel besser zu behandeln, als Du in der Vergangenheit behandelt wurdest. Meditiere, vielleicht Yoga oder QiGong, Spaziergänge an der frischen Luft, sammle Kraft, regeneriere und zentriere Dich -vielleicht zum ersten Mal- auf Dich selbst! Wünsche Dir alles Liebe, Bettina.

In schlichten, einfachen Worten so deutlich gemacht,
um was es geht. Eine wunderbare Ermutigung!
Herzlichen Dank dafür

Wünsche Ihnen viel Mut und Klarheit. Danke für Ihre Zeilen! LG Bettina

Danke für die klaren Worte. Sie erreichen mich gerade zur richtigen Zeit. Ich bin selbst 50-jährige Tochter eines narzisstischen Vaters, seit kurzen von meinem narzisstischen Ehemann geschieden und nun kommt mein 10-jähriger Sohn mit dem Wunsch, ab der 5. Klasse beim Vater leben zu wollen nach dessen weihnachtlicher Gehirnwäsche mit Unwahrheiten. Nachdem ich selbst 45 Jahre gebraucht habe, um meinen Vater zu erkennen, kann ich ihm seinen Wunsch nicht verdenken, denn er wird dort mit Geschenken und Regellosigkeit verwöhnt. Was tun? Ihm seine Erfahrung machen lassen und hoffen, daß er nach einer gewissen Zeit wieder freiwillig zu mir zurückkommt. Oder mit Recht dagegen wehren, da ja erst ein 14.jähriger entscheiden darf, beim Vater zu leben? Der Vater sieht sich als den tollsten Vater und mich als die schlechteste Mutter, auf diesem Gerüst baut er seine Beziehung zu seinen Kindern auf. Und nimmt bewußt in Kauf, daß sich die zwei Brüder (3 Jahre) entzweien. (Geschwister zu zerrütten machte sein und auch mein Vater, hat also schon eine gewisse Tradition).

Ja, liebe Marlene, das ist keine einfache Entscheidung. Bis zur 5. Klasse haben Sie noch ein wenig Zeit.
Vielleicht braucht Ihr Sohn die Erfahrung mit dem Vater zu leben, um ihn erkennen zu können. Wenn er die Erfahrung nicht machen kann, wird er den Vater immer nur durch Sie wahrnehmen. Möglicherweise nimmt er es Ihnen übel, weil Sie sich getrennt haben und Kritik am Vater üben. Was würde ihn dort wirklich erwarten? Geschenke, aber nur unter Bedingungen. Regellosigkeit sicher nicht, die Regeln setzt ER.
Bis eine Entscheidung wirklich ansteht, versuchen Sie -Ihrem Sohn gegenüber- den Vater weniger zu kritisieren, da es Ihren Sohn gegen Sie aufbringt. LG Bettina