Das ungewollte Kind

erstellt am: 01.02.2018 | Kategorie(n): ARTIKEL

Auf das Thema des ungewollten Kindes hat mich eine Blogleserin aufmerksam gemacht. Sie fragte nach entsprechender Literatur. Zu meinem Erstaunen fand ich spontan kein empfehlenswertes Buch in meinem Regal oder bei Amazon, das sich speziell mit diesem Thema beschäftigt. Das Drama des ungewollten Kindes wird offensichtlich stiefmütterlich behandelt.

Das ungewollte Kind kennt vor allem Mangelgefühle. Wenig oder keine Liebe, Zuwendung, Aufmerksamkeit, Schutz, wurde häufig sich selbst überlassen und kennt Verlustängste sehr gut.

Ich selbst war auch ein ungewolltes Kind, meine Eltern waren über 40 Jahre alt, als ich mich ankündigte. Sie hatten bereits zwei Kinder und die Familienplanung war abgeschlossen. Meine Mutter schämte sich schon während der Schwangerschaft für mich. Ich vermute, es war ihr peinlich, durch die Schwangerschaft nach außen zu zeigen, dass sie mit 40 noch Sex hat. In der 60er Jahren war das wohl eine Schande – oder sie dachte, dass es so wäre.

Meine Mutter war mit sich und der Welt zutiefst unzufrieden, sie war ein emotionaler Eisberg, da war nichts zu holen. Als ich in die Pubertät kam, war meine Mutter in den Wechseljahren. Geniale Kombination! Ab da war ich an allem Schuld. Heute weiß ich, dass sie ihre schlechten Gefühle über mich ausagierte. Sicher haben Sie das auch erlebt. Schuld am Kopfschmerz der Mutter und an der Gastritis des Vaters. Schuld am Fahrrad, das in China ….

Die Frage nach dem WARUM

Der rationale Verstand liebt Begründungen, deshalb ist er ständig auf der Suche nach ihnen. Er findet hier und da einen Grund und trotzdem fühlen Sie sich nicht besser. Die Jahre und Jahrzehnte andauernde Suche nach der Antwort auf das “Warum?” kann zu einer fixen Idee und einer echten Qual werden.

Sicher haben Sie schon das Leben ihrer Mutter/Vater von allen Seiten durchleuchtet und viele Gründe gefunden, warum sie sich so verhalten haben und Sie nicht annehmen konnten. Diese Gründe beruhigen möglicherweise Ihren Verstand, aber niemals die schlechten Gefühle in Ihnen. Deshalb werde ich hier nicht die Liebesunfähigkeit Ihrer Eltern erörtern. Sie waren ein liebenswertes Baby und es war nicht Ihre Schuld, warum Mutter/Vater Sie nicht lieben oder wenigstens mögen konnten.

Unter meinen Klienten gibt es viele -heute erwachsene- gewollte Kinder, die in ihre Familie geboren wurden und ihre Kindheit dennoch unter Ablehnung und Zurückweisung fristeten, weil das Mädchen ein Junge hätte sein sollen oder der Junge ein Mädchen. Das Kind den Leistungs-und Schönheitsansprüchen der Eltern nicht genügte. Oder “aussortiert” wurde, “weil es anders war” oder “nicht in die Familie passte”. Oder das Kind mit der Bürde geboren wurde, die Ehe zu retten, was dem armen Kind nicht gelang.

Auch hier ist die Unfähigkeit der Eltern zu nennen, die ihr Kind nicht lieben und annehmen konnten, so wie es war.

Entlassen Sie sich aus der Fehlersuche in sich selbst und aus den lebenslänglichen Mangelgefühlen. Betrachten Sie Ihre Mutter/Vater mit erwachsenen Augen, nur so können Sie das sehen, was wirklich ist.

Manchmal geschehen kleine Wunder, wenn Mutter/Vater alt und krank werden. In der Schwäche des Alters können alte Gedanken-und Verhaltensmuster aufweichen und offene Worte werden möglich. Es könnte sein, dass Mutter/Vater dann ausdrücken, dass sie Sie immer geliebt haben, es Ihnen aber nicht sagen konnten. Eventuell, weil sie einen Erziehungsstil verinnerlicht hatten, der vorgab streng, hart und autoritär sein zu müssen. Nicht selten sind Eltern mit der Erziehungsaufgabe hoffnungslos überfordert, haben keine Ahnung wie mit einem kleinen Kind und der Verantwortung dafür umgegangen werden soll. Der Führerschein für Eltern wäre keine sinnlose Sache!

Machen Sie Ihre Existenz und Ihre Gefühle nicht länger abhängig. Ihre Existenzberechtigung haben Sie in dem Augenblick bekommen, indem Sie sich -auf andere Ebene- bereit erklärten, auf diesem Planeten zu leben. Speziell wenn ich wütend bin, nenne ich ihn gerne den “Strafplaneten”. Die Lebensbedingungen hier sind nicht ideal. Ihre Existenzberechtigung und Ihren Platz auf dieser Welt kann Ihnen niemand nehmen!

Das ungewollte Kind trägt viel Schmerz, Schuld, Traurigkeit und Einsamkeit in sich. Seine Geschichte ist tragisch und dramatisch.

Energetisch und spirituell gesehen, ergibt sich eine völlig andere Perspektive:

Unsere Seele hat sich auf anderer Ebene diese Mutter und diesen Vater, das Umfeld und die Konstellation vorab ausgesucht. Natürlich haben wir diese Entscheidung mit einem anderen Bewusstsein getroffen. Mit dem Ziel etwas zu lernen. Wir sind hier um zu lernen. Ihre Eltern sind nichts anderes, als Ihre Erfüllungsgehilfen auf dem Weg zur Weiterentwicklung.

Der Seelenlernprozess des ungewollten Kindes ist sicher die Selbstliebe. Sich selbst zu lieben und anzunehmen, trotz der Ablehnung und Zurückweisung der Mutter/Vater.

Diese Betrachtungsweise hat hohe Qualität, da sie den Menschen in die Distanz des Erlebten bringt. Aus der Distanz heraus, wird unser (Über-)Blick klarer und weniger durch Gefühle getrübt. Die Entscheidungsmöglichkeit entlastet ungemein. Wenn eine Situation noch eine Wahl offen hält, fühlen wir uns handlungsfähig, mündig und selbstwirksam.

In jedem Therapieprozess ist die Selbstliebe der Dreh-und Angelpunkt. Steht der Mensch in gutem Bezug zu seinem Selbst, kann er alles überwinden und seinen Weg positiv und stabil beschreiten.

Für mich ist meine Kindheit nur noch die “Geschichte meines Aufwachsens”, ich bin dieses Kind nicht mehr. Es ist seitdem so viel Zeit und Selbstverachtung ins Land gegangen und ich habe keine Lust mehr auf Selbstzerfleischung, Dramen und Tragödien.

Die Wichtigkeit dieser Geschichte verblasst. Wichtig ist das Kind in mir, das noch manchmal traurig, mutlos und wütend ist. Diesem Kind schenke ich all meine Aufmerksamkeit und Liebe.

Hier ist der Punkt, an dem sich jede Investition lohnt!

In der Traumatherapie geht das erwachsene Selbst zum inneren Kind um ihm Aufmerksamkeit, Liebe und Nähe zu geben. Gehen Sie innerlich zum Ihrem 3-5-10 jährigen Kind und sehen Sie, was es fühlt. Beschenken Sie dieses Kind, das ein Anteil Ihrer Selbst ist, mit Ihrer Zuneigung.

Tun Sie das bitte nur, wenn Sie wirklich bereit sind für Ihr inneres Kind zu sorgen. Auch wenn die Welt stinkt und lügt, sind Sie sich selbst zur Ehrlichkeit verpflichtet.

Dann nehmen Sie Ihre Bereitschaft und schenken Sie dem Kind Trost, Liebe, Aufmerksamkeit, Nähe -nehmen Sie das Kind in den Arm- bis Sie das Gefühl haben, es geht ihm besser. Spielen Sie mit ihm. Hat es Lust zu schaukeln? Dann setzen Sie es auf die Schaukel und geben Schwung! Wenn Sie sich aus dem Prozess lösen, versichern Sie dem Kind, dass Sie wieder kommen und nach ihm sehen werden.

Lassen Sie diese Interaktion entstehen, auch wenn Tränen fließen, Sie werden einen besseren, liebevolleren Bezug zu sich selbst zu entwickeln. Die Begegnung mit sich selbst ist ein großer Segen und birgt Potential.

Investieren Sie Zeit und Gefühle in das richtige, lohnende Projekt und das sind Sie!

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Sehr geehrte Frau Baumann, vielen Dank für Ihre warmen und aufmunternden Worte. Eigentlich meint man ja immer, geliebt worden zu sein, aber dann sind immer wieder feine Nadelstiche die einen zweifeln lassen.Ich habe für mich die Worte von Erich Fried verinnerlicht , Es ist, wie es ist…Alles Gute und herzliche Grüße K.Bärwald

Liebe Kerstin, Erich Fried hat am Ende Recht, wenn er sagt, dass es ist wie es ist.
Weil wir die Vergangenheit nicht ändern können, aber wir können die Gegenwart gestalten. Indem Sie sich annehmen, wertschätzen und akzeptieren, heute hier und jetzt! Und nicht in Ihrer gelernten Prägung des ungeliebten Kindes Ihr Leben verbringen. LG Bettina

Hallo Frau Baumann bis heute sucht mich meine Vergangenheit immer wieder aufs neue heim .Ich war ein ungewolltes Kind , weil ich nicht als Junge zur Welt kam.Meine Mutter wollte zwei Jungen das Mädchen wollte sie nicht. Sie ließ es mich Jahre lang spühren,so das ich es sogar für normal hielt wie sie mich behandelte.Dabei vermittelte sie auch leider meinem Bruder eine verzerrte Einstellung.Mein Vater tat alles erdenkliche gute Lösungen zu finden ,denn er hatte uns beide gleichwertig lieb .Ab da bekam das Wort Gleichberechtigung schon eine Bedeutung mit Gewicht für mich.Wir waren auch einige Jahre im Ausland manche Glaubenseinstellungen haben feste Regeln und Traditionen,die wir nicht in frage stellten,da wir sie dort so antrafen und uns mit Respekt verhielten. Vater hat viel Geduld und sagte meiner Mutter wir sind in Deutschland da gillt doch das Gesetz der Gleichberechtigung also behandel auch unsere Kinder gleich du nennst sie immer das Mädchen es ist meine Tochter und sie hat auch einen Namen.Er litt auch darunter sehr..Es sucht sich niemand schon vor der Geburt durchs Universum aus wo wir zur Welt kommen das ist meie Meinung es möchte mit Sicherheit niemand in einer Mutter heranwachsen ,so das wenn man zur Welt kommt schon nicht gewollt ist.Es ist nicht richtig es damit abzutun wir hätten es schon vor der Geburt selbst bestimmt es als Herausvorderung anzumehmen nein diese Wahl hat niemand sonst müßte sich ja jeder daran erinnern können was ja auch vor der eigenen Entstehung unmöglich ist da wir in diesem zustand kein Bewußtsein besitzen oder ein anderes hatten und manche es dann mit Rückführungen versuchen.Eins ist Eindeutig es verursacht seelische Leid mit meistens untherapierbaren volgeschäden sich Jahrelang dem aussetzen zu müssen vom der eigenen Mutter nicht gewollt zu sein.

Liebe Chrisy,
von der Mutter nicht geliebt oder nicht ein Mal akzeptiert zu werden, hat Ihr Leben geprägt und Ihnen gelernt,
dass Sie sich so fühlen, wie die Mutter Sie behandelt hat.
Dennoch schreiben Sie von einem liebevollen Vater, der wohl sehr schwach war und sich mit seinen Vorstellungen
der Mutter gegenüber nicht durchsetzen konnte. Auch, wenn Sie ein schwaches Bild vom Vater haben, wiegt seine
Liebe stark. Nehmen Sie das, was Sie von Ihrem Vater bekommen haben und heute noch bekommen haben und wertschätzen
Sie diese Liebe. Lehnen Sie seine Liebe nicht ab, weil Sie mit seiner Schwäche verbunden ist, seine Schwäche war so
stark, Ihnen die Zuwendung zu geben!!
Ihre Mutter hat Sie genauso wertlos behandelt, wie sie selbst behandelt wurde. Das hat u.a. mit der Kultur zu tun,
von der Sie geschrieben haben.
Heute stehen Sie noch vor der Mutter wie ein bettelndes Kind, schauen Sie mit erwachsenen Augen hin und Sie werden
eine Frau erkennen, die in sich weder Wert noch Würde, Freude oder Liebe spürt. Ihre Existenzberechtigung zog sie
aus Ihrer Rolle als Mutter eines Sohnes, mehr hat es für sie und Ihr Leben nicht gegeben. Das ist tragisch und traurig
für Ihre Mutter und für Sie.
Wir können die Vergangenheit nicht ändern, aber die Gegenwart.
Es gäbe hierzu noch unendlich viel zu sagen. Verlagern Sie Ihren Fokus von der Mutter auf den Vater, dorthin, wo Sie
etwas bekommen und ziehen Sie die Aufmerksamkeit vom Mangel (Mutter) ab. Das würde Ihr Gefühl verändern.
Wünsche Ihnen alles Liebe, Leben und Beweglichkeit! Bettina