Was Sie über Angst wissen sollten

erstellt am: 12.04.2017 | Kategorie(n): Allgemein, ARTIKEL

Was Sie über Angst wissen sollten

Dies soll als Grundinformation für Betroffene und Interessierte dienen. Oder als Leitfaden heraus aus Missverständnissen und Desinformation.

Von der Natur der Angst

Jeder Mensch kennt Angst, sie ist wohl eines der grundlegendsten unserer Gefühle. Auch alle Tierarten, sogar einfache Organismen wie Seeschnecken und andere wirbellose Tiere kennen dieses Gefühl. Angst ist jedoch nicht grundsätzlich schlecht, sondern eine biologisch sinnvolle Reaktion, die unser Überleben sichern soll. Der erhöhte Herzschlag, die stärkere Durchblutung der großen Muskelgruppen bereiten uns auf Kampf oder Flucht vor. Für unsere Vorfahren, die noch in freier Natur lebten, war diese Reaktion Überlebens wichtig. Die Angst diente dem Körper als Signal für die Auslösung der Reaktion.

Obwohl wir heute nicht mehr im Freien leben, nicht mehr wilden Tieren und extremen Wetterbedingungen schutzlos ausgeliefert sind, ist die Flucht-Angst-Reaktion auf unserer „Festplatte“ gespeichert. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen vor dem Fernseher und sehen einen Horrorfilm, die Bilder erschrecken Sie, machen Ihnen Angst, dann wäre die natürlichste Reaktion, zu fliehen oder anzugreifen. Das gleiche gilt in einer Angst und Stress auslösenden Situation mit Ihrem Vorgesetzten. Wieder wären die Flucht oder der Angriff, die unserer Programmierung entsprechenden Reaktionen. Doch wir sitzen diese Situationen aus.

Körperliche Angstsymptome

Was passiert in solchen Momenten in unserem Körper? Bei Angst steigt die Erregung unseres vegetativen oder willkürlichen Nervensystems, willkürlich deshalb, weil wir die Steuerung dieses Systems willentlich kaum beeinflussen können. Das betrifft u.a. unseren Herzschlag, unsere Atmung, Körpertemperatur, Schweißproduktion und das Magen-und Darmsystem. Innerhalb dieses Systems gibt es zwei Gegenspieler, das Sympathische Nervensystem, das erregende Botenstoffe, wie z.B. Adrenalin und Noradrenalin ausschüttet. Das Parasympathische Nervensystem dagegen schüttet dämpfende entspannende Botenstoffe aus. In Angst und Stress dominiert das Sympathische System. Dies führt zur Erhöhung des Herzschlages, Herzrasen, Schwindel, Verengung der Blutgefäße in Händen und Füßen. Hände und Füße sind bei Angstzuständen meist blass und kalt, manchmal sogar taub und kribblig.

Die Atmung verstärkt sich, wird schneller, was mit der Zeit Atemlosigkeit, Erstickungsgefühle und Beklemmungen  in der Brust auslösen kann. Die zu schnelle Atmung kann sogar dazu führen, dass die Versorgung des Gehirns kurzfristig herabgesetzt wird, was wiederum Benommenheit, verschwommenes Sehen und Gefühle der Unwirklichkeit auslösen kann.

Weiter lösen die sympathischen Aktivitäten die Weitung der Pupillen aus, verminderten  Speichelfluss und Mundtrockenheit. Die Verdauungsorgane arbeiten verlangsamt, verursachen Übelkeit und Verstopfung. Die Anspannung aller Muskelgruppen führt zu deren Verspannung und entlädt sich eventuell durch sichtbares Zittern. Der Körper fühlt sich durch diese Prozedur oft erhitzt und da diese Abläufe ungeheuer viel Energie verbrauchen, ist der Körper danach müde und erschöpft.

Würden wir in Angst-oder Stresssituation körperlich agieren, kämpfen oder fliehen -würde der Körper das Adrenalin, Noradrenalin etc. schneller abbauen und anschließend wieder in die entspannte Lage zurückfinden. In unserem Fall verbleiben diese Stoffe lange im Körper und der Abbau sowie die körperlichen Symptome dauern an. In diesem Zustand ist der Körper nicht in der Lage, Entspannung zu produzieren.

Gedankliche Entwicklung der Angst

Die Angst entsteht in unseren Gedanken. Der griechische Philosoph Epiktet wusste schon:“ Nicht die Dinge an sich sind es, die uns beunruhigen, sondern die Art und Weise, wie wir sie sehen.“ Die eigene Interpretation der Ereignisse jedes einzelnen Menschen ist ausschlaggebend für die Gefühlslage. Ein Beispiel:

Sie machen einen Spaziergang und wandern einen steilen Berg hoch. Es ist sehr anstrengend und Sie bemerken, dass Ihr Herz schneller zu schlagen beginnt. Sie sind nicht beunruhigt, da Sie denken, dass dies auf die Anstrengung zurückzuführen ist.  Der gleiche schnellere Herzschlag kann Sie in anderer Situation beunruhigen, wenn Sie z.B. zuhause auf dem Sofa sitzen und feststellen, dass Ihr Herz schneller schlägt. Sie werden vielleicht besorgt und reagieren ängstlich. Obwohl das Symptom das gleiche ist, bewerten Sie es unterschiedlich.

Auch verzerrte Gedankenmuster ziehen Ängste förmlich an:

  • „Ich schaffe es nicht. Ich habe noch nie etwas geschafft.“
  • „Ich muss immer perfekt und 100%ig sein.“
  • „Alle müssen mich lieben.“
  • „Das endet in einer Katastrophe!“
  • „Ich bin es nicht wert geliebt zu werden.“
  • „Überall und zu jeder Zeit werde ich versagen.“
  • „Ich habe eine schwache Gesundheit.“

Diese Gedankenmuster entstehen in den meisten Fällen in der Kindheit, vielen Menschen ist die Existenz ihrer Gedanken nicht bewusst. Dennoch haben diese Muster große Macht und beeinflussen jede Entwicklung und Entscheidung des Menschen.

Modelllernen

Ganz wichtig ist auch die Erziehung. Wie sind Mutter und Vater mit schwierigen Situationen umgegangen, konnte das Kind stärkende Strategien erlernen? Oder haben die Eltern selbst große Ängste gelebt und das Kind hat diese Ängste gelernt? Übergroße Fürsorge oder auch übertriebene Strenge können Auslöser für eine Angststörung sein.

Besonders schwer ist es für Menschen, die mit psychisch kranken und suchtkranken Elternteilen aufgewachsen sind. Gesunde Bewältigungsstrategien, ein positives Selbstbild und praktische Lösungsfähigkeiten konnten in der Ursprungsfamilie nicht erlernt werden.

Aber alles, was erlernt wurde, lässt sich auch wieder verlernen. Diese schwächenden Muster, die von außen aufgesetzt wurden, lassen sich in manchen Fällen erstaunlich leicht abstreifen.

Der Mensch ist in seinem Wesen sozial, deshalb nehmen wir auch im erwachsenen Alter Gedanken und Gefühle von Menschen an, die uns nahe stehen. Auch unter Kollegen werden menschliche Dramen, Krankheitsgeschichten der schrecklichsten Art und andere Katastrophen gerne diskutiert. Seien Sie achtsam und übernehmen Sie nicht ungeprüft die Angst und negativen Grundhaltungen Ihrer Freunde und Kollegen.

Verhaftet in der Vergangenheit

Ein weiterer Punkt ist das Verharren mancher Menschen in kritischen Situationen aus der Vergangenheit. Gedanklich werden diese Geschehnisse beständig wiederholt. Das schlechte Erleben wieder und wieder zu aktivieren, wirkt wie eine Retraumatisierung. Das gedankliche Leben in der Vergangenheit verhindert das Leben in der Gegenwart. Die Vergangenheit ist geschehen, die Zukunft reine Spekulation, nur die Gegenwart ist ein Geschenk!

Traumatisierung

Traumatische Erlebnisse in der Kindheit sind starke Angstauslöser. Erlebnisse von Gewalt, Verwahrlosung und Missbrauch sind schwere Einbrüche in die Biographie. Ebenso der frühe Verlust von Mutter oder Vater oder anderen Vertrauenspersonen. Manche Menschen erleiden Schicksalsschläge, die schwer zu verkraften sind.

Trauma ist ein Schrecken oder Schock, der nicht vergeht.

In diesen Fällen ist es ratsam professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich stelle in meiner Praxis häufig fest, dass Menschen sich über lange Zeit an schlechte Befindlichkeiten gewöhnt haben. Sie nehmen große Einschränkungen in der Lebensqualität in Kauf, bevor sie für sich aktiv werden.

Vulnerabilität

Jeder Mensch ist ein Individuum und reagiert anders auf Ereignisse. Der Fachbegriff „Vulnerabilität“ beschreibt die Empfindlichkeit oder Empfänglichkeit für Störungen. Je höher die Empfindlichkeit ist, umso eher können sich Störungen ausprägen. Es gibt Menschen, die mehrere dramatische Erlebnisse in ihrem Leben verkraftet haben ohne eine Störung zu entwickeln, anderen genügt ein kritisches Erlebnis um eine Störung zu manifestieren. Das eigene Eingestehen, sensibel zu sein, sich selbst gut und pfleglich zu behandeln, Rücksicht auf persönliche Bedürfnisse zu nehmen, sich selbst nicht zu überfordern und trotzdem weiter zu gehen kann ein guter Ansatz für mentale und emotionale Gesundheit sein.

Das Verhalten

Nach dem Körper, den Gedanken ist das Verhalten die dritte Komponente der Angst. Das Verhalten einer Person mit Ängsten ist auf verschiedene Weisen beeinträchtigt. Zunächst ist da die Konzentration und Ausdauer. Im Angsterleben ist die Person nur mit großer Anstrengung in der Lage zu lesen, einem Gespräch zu folgen oder schwierige Arbeiten zu erledigen.

Weitreichend ist das Vermeidungsverhalten. (Fluchtreaktion) Der ängstliche Mensch wird Situationen meiden, welche die Angst auslösen könnten, was den Aktionsradius stark einschränkt. Herausforderungen, Veränderungen und viele Möglichkeiten werden nicht ergriffen, aus Angst zu versagen, zu scheitern oder einfach die Veränderung zu scheuen. In Folge dieses Verhaltens, gerät ein Leben leicht in Stagnation. Ein Zustand, der sich sehr starr und unbeweglich anfühlt.

In der Therapie können Betroffene lernen, den Teufelskreis der Vermeidung zu durchbrechen, Ängste zu bearbeiten und stärkende Aspekte der Persönlichkeit zu entdecken. Aufbau von Ressourcen.

Warum entwickeln so viele Menschen Angststörungen?

Statistiken zeigen, dass ca. 10% der Gesamtbevölkerung im Laufe des Lebens eine Angststörung entwickeln. Unsere Zeit ist ungeheuer schnelllebig, Dinge verändern sich ständig. Alte Werte sind unbrauchbar geworden und neue Werte stehen noch nicht fest, dadurch entsteht eine große Unsicherheit. Stress durch Beruf und Doppelbelastung. Permanenter Leistungsdruck, der schon an unseren Jüngsten nagt. Wir und unsere Kinder sind der Reizüberflutung aus TV, Computer und anderen Medien, schutzlos ausgeliefert. Das Erregungsniveau des heutigen Menschen liegt schon ohne Ängste sehr hoch. Selbst im sozialen Bereich und in der Freizeit müssen Hochleistung erbracht werden.

Nach einigen Jahren im Hamsterrad kann sich der Mensch an einen entspannten Zustand nicht mehr erinnern. Die Verbindung zur eigenen Mitte mit ihren stabilen, sicheren Qualitäten ist vergessen.

Die stete Suggestion von außen, wie wir sein müssen, wie wir aussehen müssen, was wir besitzen müssen, wie wichtig wir sein müssen, legt unser Streben fest. Unser eigentliches Wesen, unsere Seele, unsere innersten Bedürfnisse werden so oft übergangen bis sie nicht mehr spürbar sind.

Statt der Suche nach Bedürfnisbefriedigung im Außen wäre die Sicherung stabiler innerer Werte sinnvoll.

Die schlechte wirtschaftliche Lage und der Arbeitsmarkt lösen Existenzängste aus, die zusammen mit Stress und anderen persönlichen Problemen zur Krise anwachsen können.

Grundängste des Menschen

Ängste, die jeder kennt

Es gibt Grundängste, die Sie sich mit allen Mitmenschen teilen:

  • Angst vor dem Alleinsein
  • Angst vor dem Fremdsein
  • Angst vor Hunger und Schmerz
  • Angst vor Verlust
  • Angst vor Veränderung

Es gibt niemanden, der diese Ängste noch nie gespürt hat.

Das Ziel 100%ig angstfrei zu leben wäre unrealistisch.

Es gilt vielmehr Möglichkeiten zu entwickeln, die richtige Mischung aus Mut, Vorsicht und Achtsamkeit zu finden, um mit gedanklichen oder realen Ängsten angemessen umgehen zu können. Angstbewältigung soll nicht die Vermeidung oder Verleugnung der Angst darstellen, sondern die bewusste Annahme und Betrachtung der Ängste. Schon der genaue Blick auf das Problem kann angstlösend sein. Benennen Sie ihre Angst und unterziehen Sie sie einer Realitätsprüfung. Muss ich mich davor wirklich fürchten? Übersehe ich andere Faktoren? Ist das wirklich meine Angst oder eher eine konditionierte (anerzogen) Überzeugung meiner Eltern? Wie viele meiner Befürchtungen sind bis heute eingetreten? (Ehrlichkeit sich selbst gegenüber)

Wenn die Angst den Bereich des normalen Empfindens verlässt

Eine Angst nimmt krankhafte Züge an, wenn

  • Sie ohne reale Bedrohung auftritt
  • Sie nach der Beseitigung der realen Bedrohung stabil anhält
  • Sie unangemessen auftritt, zu stark und zu häufig
  • Sie mit starken körperlichen Symptomen begleitet wird
  • Hinsichtlich Auftreten und Dauer nicht kontrolliert werden kann
  • Erwartungsängste auftreten „die Angst vor der Angst“
  • Sie zur Vermeidung angstmachender, objektiv ungefährlicher Situationen führt
  • Die Ausführung wichtiger Aktivitäten nicht mehr möglich ist
  • Die allgemeine Lebensführung übermäßig eingeschränkt wird
  • Sie zu starken mentalen und körperlichen Leidenszuständen führt

Wann ist Angst behandlungsbedürftig?

Wenn die Angst ihre Lebensqualität bestimmt. Wenn angstvolle Gefühle das Erleben, Verhalten und die Entscheidungen in einem oder mehreren Lebensbereichen beherrschen.

  

 

 

 

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