Ich verlasse das Königreich

erstellt am: 17.12.2015 | Kategorie(n): GESCHICHTEN

P1000343 Heute verlasse ich das Königreich nach einer      Ewigkeit.

Verlasse den Thronsaal. Lasse weiträumige Gemächer und Brokat verhangene Fenster und wertvolle Teppiche hinter mir.

Vor langer Zeit war das Rot wärmer, das Blau strahlender und das Gold glänzender. Heute sind die Farben verblasst und der Glanz wirkt stumpf und beschlagen.

Am Tag, an dem ich das Königreich staunend betrat, war ich überwältigt von der Fülle, dem Reichtum und der Macht, die es ausstrahlte. Wahrlich ein Königreich der Möglichkeiten. Geblendet von der Leuchtkraft der Dinge, ließ ich mich in weiche Kissen fallen und von einer Kraft tragen, die nicht meine war.

Die Welt ging bewundernd ein und aus, ich musste mich nicht bewegen.

Die Bequemlichkeit und wenn ich ehrlich bin, die Überheblichkeit, die Exklusivität und exklusiv war es wirklich, ergriffen zuerst meinen Geist und wenig später meinen Körper. Machten mich steif und schwer, unendlich schwer.

Ja, es gab auch Verpflichtungen, denen ich verantwortungsvoll und beflissen nachkam. Es dauerte lange, bis ich verstand, dass mich diese Verpflichtungen einbanden, festbanden und zu einem leblosen Gegenstand machten.

Ich repräsentierte das Königreich, wurde ein starrer Teil des Reiches. Eine antike Standuhr, ein exquisites Gemälde, das einfach nur älter, spröder und trockener wurde.

P1000314Warum wurde ich nicht zu einem Baum im Park? Stark und lebendig, zum Leben fähig, voller Widerstandskraft, spielend mit dem Wind in den Blättern und dem Wechsel der Jahreszeiten.

Heute löse ich meine Umrisse aus der Kulisse, schwach und dennoch mit dem Hunger nach Leben, der immer blieb, selbst nach dem üppigsten Mahl. Mit ungelenken Schritten gehe ich durch die Gemächer und das prunkvolle Portal.

Ich schlürfe, ich schleiche, als wären meine Knochen hundert Jahre alt, der Weg zur Grenze des Königreichs kostet so viel Kraft. Dass es so weit wäre, hätte ich nicht gedacht.

Schon von weitem sehe ich eine große Mauer, ich kann mich nicht erinnern, sie jemals gesehen zu haben. Sie scheint schon Jahrhunderte hier zu stehen, das grobe Mauerwerk ist schwarz von Wind und Wetter. Die Verzweiflung treibt Tränen in meine Augen, die Mauer ist so hoch, niemals kann ich sie überwinden.

Mit den Händen stütze ich mich am kalten Stein und gehe die Mauer entlang. Ist es die Müdigkeit oder die Resignation? Ich fürchte, meine Sinne schwinden. Schon werfe ich einen Blick zurück, war es dort nicht sicher und bequem?

IMG_3519

Aber was ist das? Eine Tür aus eisernen Gitterstäben. Ich erkenne sie sofort, in meinen Träumen stand oft davor. Sehnsüchtig durch die Stäbe blickend mit den großen Augen eines Kindes, forschend und suchend nach dem, was mir unbekannt geworden war.

Und während ich so stehe, kommt ein kleiner Vogel mit roter Brust und fliegt in seiner natürlichen Leichtigkeit durch die Gitterstäbe, ich folge ihm ……

 

IMG_3655-001

bettina_baumann_logo

Lösungsorientiert-Energetisch-Spirituell

 

Kommentar verfassen