Mit dem Rücken zur Wand

erstellt am: 11.08.2014 | Kategorie(n): GESCHICHTEN

P1000493Unter dem beständigen Lärm, dem niemand entfliehen kann in dieser Stadt, dem nicht enden wollenden Menschenstrom, der mit allen Energien auf mich einfließt, entsteht ein innerer Druck, eine innere Verzweiflung und im Anblick der Menschen, denen es sichtbar beschissen geht, eine Traurigkeit, Tränen und Angst um meine und alle Kinder, die gerade jetzt ihren Platz in dieser Welt suchen.

Die Angst ihn nicht zu finden, mein eigener steiniger Weg. Dass sie so enden wie die jungen Menschen auf den Straßen der Stadt, die suchen, nicht finden und sich verirren.

Der Lärm schält alle Schutzschichten, überlässt mich dünnhäutig und ungeschützt den Eindrücken. Ich stehe mit dem Rücken zur Wand. Die Sehnsucht nach Stille ist dringend, da sie sich nicht findet, falle ich in Ohnmacht, in einen Zustand ohne Handlungsfähigkeit, ohne Zugriff auf meine Mitte, wo ich ruhen könnte.

Konsum, Essen, Trinken betäuben das unerträgliche Gefühl, doch nur für eine Weile, dann ist es wieder da, kriecht nach oben wie ein erdiger Wurm.

Ein Raum ohne Inhalt, Substanz und Bedeutung, erfüllt mit flüchtigen Geräuschen, Tönen und Worten, arythmisch können sie nicht aufgenommen oder verarbeitet werden. In den engen Straßen und Räumen verdichten sich die Laute, bleiben stehen um auf weiten Plätzen auszufließen. Endlose Information, die gesendet und nirgendwo empfangen wird.

Die Geräusche fließen mit der Zeit, sie sind an sie gebunden. Die Zeit reißt den Lärm mit sich, der Lärm die Zeit, sinnentleert geflossen auf der glänzenden Oberfläche, die Tiefe unberührt.

Junge Menschen ohne Wurzeln lassen sich nur zu gerne treiben auf dem trügerischen Wasserspiegel, für andere ist es der gewählte, lebenslange Weg.

4.3 Der Kaiser

Sie spüren es nicht gleich, wenn sie angespült werden, an einen Ort, an dem ihresgleichen liegt. Dort warten sie ohne Bewusstsein in völligem Stillstand auf den Anstieg des Wassers oder eine Welle, die sie wieder mitnimmt in den Fluss des Lebens. Dahin, wo Bewegung, Entwicklung und Fortgang überhaupt möglich sind. Irgendwo auf dem Weg, vielleicht, erfahren sie eine reine, liebevolle Berührung, die uns in die Tiefe eintauchen lässt und allem einen Sinn verleiht.

If you feel stranded, sit down beside and watch the river.

 

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