Besuch bei einem Freund

erstellt am: 20.05.2014 | Kategorie(n): GESCHICHTEN, Besuch bei einem Freund

Ich bin schon auf dem Weg, ohne wirklich zu wissen warum. Auf die Idee, mir die Frage zu stellen, komme ich gerade nicht. Auf dem Weg zu einem Freund, den viele für seltsam halten, für einen Spinner, vielleicht sogar ein bisschen verrückt. Und wenn ich ehrlich bin, denke ich genau so wie die anderen. Trotzdem zieht es mich von Zeit zu Zeit dorthin. Wenn ich tiefer spüre ist es, als wäre es ein Teil von mir, der hin will, nicht alles von mir.

Über den ausgetretenen Pfad komme ich mit jedem Schritt dem Haus näher. Ich erblicke die Behausung und muss fast lachen. Sie sieht so aus, wie ihr Bewohner, eigenartig, wunderlich. Alt und in miserablem Zustand, zieht sie mich an wie ein Magnet und ich erinnere mich, dass es bei jedem Besuch so war, in mir kommt Freude auf, eine kindliche Freude und ein sanftes Lächeln zieht meine Mundwinkel willkürlich nach oben. Durch zwei Fenster strahlt ein warmes Licht. Zurückgehen könnte ich jetzt nicht mehr. So hebe ich den müden Arm und klopfe an.

Die Tür öffnet sich und mein Freund steht vor mir. Er sieht aus wie immer, zerzaustes Haar, die vielen Falten um die Augen, ein grob gewebtes Hemd in Farben, die ich nie wagen würde zu tragen. Er freut sich und breitet die Arme aus. Während er mich umarmt, weiß ich, dass er nicht der Typ ist, der garantieren kann, dass dieses Gefühl für immer anhält. Aber ich habe eine sichere Ahnung, dass die Freude hier in diesem Moment das Ehrlichste ist, was mir die Welt bieten kann. Und das Gefühl ist überall in meinem Körper.

Er bietet mir Platz an auf dem alten Sofa und wirft trockene Blätter in einen Topf mit kochendem Wasser. Die Blätter färben das Wasser golden und im nächsten Moment breitet sich ein würziger Geruch im Raum aus. So sitze ich und schaue mich um. Eigenartige Dinge umgeben meinen Freund, Steine, Holzstücke, selbst gemalte Bilder und einige Bücher. Mir sind die Dinge fremd, dennoch scheinen sie, als wären sie ein Teil seiner selbst. Jeder Gegenstand ein Zeichen der Zeit, getragen in die Gegenwart.

Mein Freund fragt mich, wie es mir geht. Jedem anderen hätte ich von Stress und Problemen erzählt, ein Klagelied gesungen, hier zucke ich nur mit den Schultern. Überhaupt sind Worte gerade nicht so wichtig.

Ich vergleiche mein Leben mit seinem und scheitere. Schon nach dem ersten Gedanken will sich kein zweiter passend fügen.

Belächelt von anderen, teilt er mit mir sein offenes Lachen, das aus dem Bauch in die Kehle springt. Keine Zeit für Täuschung. Wie oft habe ich mich im Lächeln anderer getäuscht. Jede Enttäuschung ein Hieb, ein Stich, eine Verletzung von der eine Wunde blieb. Und Wut.

Mit einer Geste, als würde er eine Fliege vor meiner Stirn verscheuen, löst sich mein Widerstand. Im Windhauch, im Geruch des Gebräus, in der Wärme, die es in meinem Bauch verbreitet. In seinem und meinem Lachen.

Der Krieger senkt das Schild auf dem Schlachtfeld, das alles und nichts bedeutet.

Stunden später verlasse ich meinen Freund, den seltsamen Ort und ich weiß, ich werde mich erinnern. Ganz tief. Ich drehe mich noch oft um, so richtig habe ich es noch nicht verstanden. Aber es ist klar, dass ich wieder kommen werde.

  

 

 

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