Zum Spüren

erstellt am: 15.01.2014 | Kategorie(n): ARTIKEL, Zum Spüren

Es ist schwer zu sagen, was es ist. Ein Tagtraum, eine Vision, eine Erinnerung, ein Echo, ein Fragment einer Geschichte, die mir irgendwann erzählt wurde. Es ist ein Bild, eine Vorstellung, die plötzlich da ist. Immer deutlicher und präziser wird, eindringlicher und fordernd.

Vor meinem inneren Auge formiert sich ein Menschenzug, Männer, Frauen, Kinder verschiedenen Alters. Sie gehen durch eine verschneite Landschaft und ich bin ihr Beobachter. Zunächst von weitem, dann rückt das Bild näher und näher. Schließlich kann ich ihre Gesichter erkennen. Ohne jemals dabei gewesen zu sein, weiß ich genau, was hier vor sich geht.

Es ist das letzte Jahr des Zweiten Weltkrieges, diese Gruppe ist eine von vielen, die ihrer Heimat verwiesen wurde. Es könnte Ostpreußen sein, der Wind ist eisig, das Land ist flach. Die Menschen sind schon seit einigen Tagen unterwegs. Einer von ihnen sagte, er wüsste in welche Richtung sie gehen müssten, aber heute glaubt keiner mehr daran. Niemand fragt mehr nach dem richtigen Weg.

Der Schock sitzt tief, weggehen zu müssen, die gewohnte Umgebung zu verlassen mit dem wenigen, das sie mitnehmen konnten. Mit der Heimat ein Stück Identität verloren. Und die Todesangst, man hat ihnen gesagt, wer nicht ginge, würde sofort erschossen. In den Jahren des Krieges hatten sie viele Tote gesehen, Soldaten, Zivilisten. Der Schrei des Entsetzens lautlos, jedesmal.

Die Schwäche der Gruppe ist sichtbar an der Körperhaltung abzulesen, ich kann ihre Schwäche spüren, am ganzen Leib, als würde ein Teil von mir dazu gehören. Einen alten Mann haben sie in einen Leiterwagen gesetzt, er hält einen in Decken gewickelten Säugling im Arm. Zwei Männer mit eingefallenen Wangen ziehen den Wagen, wie lange noch? Es ist eine Frage der Zeit.

Keiner spricht, nicht einmal die Kinder, auch das Baby auf dem Arm des Alten gibt keinen Laut von sich. Sprechen kostet Kraft, die Kraft schwindet. Inzwischen bin ich der Gruppe sehr nach, ich kann sie atmen hören, sehe den Hauch, der aus ihren Mündern steigt. Meine Aufmerksamkeit zieht mich zu einem Mädchen, das vielleicht zehn Jahre alt ist. Es scheint mir, als würde sie innerhalb des Zuges alleine gehen. Als wären weder Vater und Mutter dabei. Dunkle Haarsträhnen fallen in ihr Gesicht, das so blass ist, so elend blass. Mit halb geschlossenen Augen blickt sie auf ihre Schritte, rechts, links, rechts. Die Augen dunkel, zu jung, zuviel gesehen. Ich habe das Gefühl, dass sie schon ihre Eltern verloren hat, aber der Junge hinter ihr könnte ihr Bruder sein. Es ist mein Wunsch, neben ihr zu bleiben. Das Mädchen ist mir wichtig, als gäbe es nichts wichtigeres auf dieser Welt in diesem Moment. Immerzu muss ich sie ansehen, ein hübsches Gesicht, aber so angestrengt und müde, und so blass. Sie erinnert mich an eine Porzellanpuppe, anmutig, weiß und zerbrechlich.

Der Wind ist wie die Kriegsherrn, er bläst scharf und erbarmungslos. Könnte nicht der Wind Erbarmen haben mit den trostlosen Flüchtlingen? Der Wind, die Kälte, der Schnee machen mich wütend, am liebsten würde ich schreien:“Geht weg, seht ihr nicht, wie sehr die Menschen unter euch leiden!“ Doch es ist nicht an mir, den Wind und die Kälte zu befehligen. Ich bin nur der seltsam verbundene Beobachter dieses Geschehens.

Jetzt kippt das Mädchen aus der Reihe, fällt einfach nach rechts um. Die Menschen aus den vorderen Reihen bemerken den Vorfall nicht, sie gehen stumpf weiter. Die Frauen, die neben ihr gelaufen sind, bleiben stehen, ebenso der Junge hinter ihr, den ich für ihren Bruder halte. Die beiden Frauen sehen sich an, schlagen ein Kreuz auf der Brust und sehen dann den Jungen an. In seiner Mimik ist keinerlei Reaktion zu sehen. Die Frauen sprechen ein kurzes Gebet und ziehen den Jungen mit sich weiter. Und ich weiß, dass er lange von diesem Moment träumen wird.

Jetzt bin ich alleine und voller Trauer. Ganz in Trauer und Betrachtung verfallen, so ein schönes Gesicht, wie Schneewittchen aus dem Märchen. Anstrengung und Müdigkeit sind aus ihren Zügen verschwunden. Klar und rein wie der frisch gefallene Schnee. Mit der Unschuld eines Kindes, das in eine schwere Zeit geboren wurde. Ich hebe ihren Kopf an, ganz vorsichtig, wie einen kostbaren Edelstein und lege ihn auf meinen Schoss. Nichts ist wichtiger, als dieser Augenblick. Obwohl der Krieg viele Leben genommen hat, verfluche ich ihn, weil er gerade dieses Leben genommen hat. Kriegstreiber, Hetzer, Fanatiker, Verbrecher, all die, die verantwortlich sind und waren.

Je länger ich darüber nachdenke, umso wütender werde ich. Die Sinnlosigkeit lässt mich verzweifeln, Gott und die Welt in Frage stellen. Sind wir dieser Welt und ihrer Sinnlosigkeit hilflos ausgeliefert? Wer darf solche schrecklichen Dinge tun, wer gibt die Erlaubnis, wer gibt ihnen das Recht?

Dann löst sich aus dem Körper ein Umriss, wie ein Hologramm in blau. Das Mädchen in nebeliger, blauer Gestalt erhebt sich, während der physische Körper liegen bleibt. Sie spricht:“Alles, was geschieht, hat einen Sinn. Das weiß ich ganz gewiss.“ Sie lächelt ein wundervolles Lächeln und schwebt in die Höhe, entschwindet meinem Blickfeld.

Danach finde ich mich in mir und meinem Leben zurück, aufgewühlt und dennoch ruhig.

 

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Eine ergreifende Geschichte. Ich sah durch die Augen der Erzählerin …

Und zum Schluss die Hoffnung, dass da viel mehr ist als wir erahnen können.

Danke, Bettina.

Ich freue mich immer über Deine Kommentare, über diesen ganz besonders, weil er mir
vermittelt, dass auch Dir in manchen Momenten das ABC-Schema nicht genug ist …..