Tabuthema Tod und seine Konsequenzen

erstellt am: 08.10.2013 | Kategorie(n): ARTIKEL, Tabuthema Tod und seine Konsequenzen

Die ewige Verdrängung

Wir leben in einer Verdrängungsgesellschaft, in vielerlei Hinsicht, aber vor allem, wenn es um den Tod und das Sterben geht. Die Schulmedizin vermittelt uns den Eindruck, die Pille gegen alles zu haben. Und wenn die nicht hilft, gibt es die Möglichkeit der Operation, Bestrahlung und darüber hinaus das immer wachsende Feld von Transplantationen, das Leben verlängern soll. Nun geschieht aber doch täglich, was eigentlich nicht geschehen dürfte: Der Tod tritt ein. 

Auf das, was wir ein Leben lang verdrängt haben, sind wir nicht vorbereitet. Es erwischt uns eiskalt.

Der Preis für die Verdrängung ist hoch. Alles in uns, das wir nicht bereit sind zu betrachten, hat Macht über uns. Agiert aus dem Hinterhalt, aus dem Verborgenen. Das gilt besonders für die Verdrängung der eigenen Sterblichkeit.

Die Konsequenzen

Depression

Die Angst vor dem Tod ist z.B. innerhalb einer depressiven Entwicklung stark beteiligt. Depressionen haben individuell so viele Auslöser, wie es Betroffene gibt. Schält man die vordergründigen Auslöser nach dem Zwiebelprinzip, bleibt die Angst vor dem Tod.

Hier kehrt sich die Angst vor dem Tod an einem Punkt in die Angst vor dem Leben.

Das Leben als größtes Risiko, als Bedrohung des Lebens. Würden wir nicht leben, müssten wir dieses Risiko nicht tragen. Die Angst, das Leben nicht zu schaffen, löst Antriebslosigkeit aus. Ebenso Gedanken wie: Es lohnt sich nicht, sich anzustrengen, am Ende sterben wir doch alle! (Auf diesen Satz werde ich später noch einmal eingehen). Die Antriebslosigkeit wird von depressiven Menschen, als besonders qualvoll empfunden. Nimmt sie ihnen doch die Kraft und Motivation, nimmt ihnen Lebendigkeit, aber nicht das Leben.

In einer schweren Depression wird der Betroffene zum Thema geführt. Indem er den Selbstmord erwägt. Die Angst vor dem Tod kippt in eine Sehnsucht nach dem Tod. Die Depression zwingt zur Auseinandersetzung mit der Sterblichkeit.

Psychosomatische Störungen 

Die verborgene Angst vor dem Tod steht auch deutlich im psychosomatischen Störungsbild. In der Psychosomatik werden Konflikte, die aus dem Bewusstsein gedrängt werden, in den Körper verschoben. Der Mensch verspürt körperliche Symptome, befürchtet Krankheit, Siechtum und schließlich Tod.

Dieser Mechanismus lässt ihn zum Dauergast in Arztpraxen werden. Oft ergeben Untersuchungen keinen Befund. Da die Beschwerden aber bleiben oder durch den Körper wandern, besteht der Mensch auf weitere Untersuchungen. Ich bin oft fassungslos, wenn mir Klienten von der Anzahl ihrer Untersuchungen erzählen. Zahllose Bluttests, Ultraschalls und Röntgenaufnahmen. Zwei Kernspinduntersuchungen, sogar Analysen der spinalen Flüssigkeit (Krankenhausaufenthalt, Schmerzen) und das alles in einem Jahr und ohne Befund, oder einem geringfügigen Befund, der die Beschwerden nicht hinreichend erklärt. 

Jede Untersuchung lässt den Stresspegel des Patienten in die Höhe schnellen. Wird diesmal die schwere Krankheit diagnostiziert? 

Der Patient wendet sehr viel Zeit und Geld für die Suche in seinem Körper auf. Jede Untersuchung ohne Befund, wirft die Notwendigkeit einer nächsten Untersuchung auf. Viel schlimmer ist, dass der Mensch gedanklich nur noch auf Krankheitssuche ist und die wichtigen Dinge des Lebens nicht wahrnimmt:

  • Wie stehe ich in Beziehung zu meiner Familie, meinem Freundeskreis?
  • Was könnte ich tun um beruflich weiter zu kommen?
  • An was glaube ich?
  • Welche Dinge im Leben sind mir persönlich wirklich wichtig?
  • Gibt es Freude in meinem Leben und wenn nicht, warum?
  • Wo kann ich Freude und Zufriedenheit für mich schaffen?

Die menschliche Entwicklung ist durch die Überfokussierung des Körpers eingeschränkt und der Patient, der sich immer krank, in größter Gefahr, in der Angst vor dem nahenden Tod sieht, läuft Gefahr in eine Depression zu fallen.

Identifiziere Dich nicht zu sehr mit Deinem Körper, es führt Dich in die Irre. Dein Körper ist nur das Transportmittel für dieses Leben.

Gefährdete Berufsgruppen

Die verzerrte Einstellung zum Sterben wirkt auch stark an Berufsgruppen, die mit dem Tod häufig konfrontiert werden. Das ist Pflegepersonal in Krankenhäuser, Notfallstationen und Altenheimen. Das Personal kümmert sich um Schwerkranke, Schwerverletzte und alte Menschen. Wird der Tod an diesen Orten als die „finale Katastrophe“ oder als das, „was eigentlich nicht sein darf“ angesehen, ist das Pflegepersonal schnell am Ende seiner Kräfte. Verschärft werden die Arbeitsbedingungen durch Personalmangel, Zeitdruck und Sparmaßnahmen. Der Druck „nicht genug getan zu haben“, um den Tod zu verhindern, wird irgendwann unerträglich. 

Solange unsere Krankenhäuser und Altenheime wie rentable Betriebe geführt werden, wo Organisation und Logistik wichtiger sind, als die Betreuung kranker Menschen, laufen wir in die Sinnlosigkeit unseres Seins. Um Schwerkranke und Sterbende begleiten zu können, müsste der Tod bewusst wahrgenommen und akzeptiert werden. Da auch hier die Verdrängung funktioniert, wird der kostengünstige, reibungslose Klinikbetrieb fokussiert. Das Sterben wird ignoriert.

Speziell für diese Berufsgruppe wäre der natürliche Umgang mit Tod und Sterben wichtig. Solange ein Mensch nicht durch Gewalteinwirkung verstorben ist, ist der Tod das natürliche Ende eines Lebens.

Ehrliche Betrachtung

Meine Großmutter sagte gerne, dass die einzige Gerechtigkeit auf der Welt wäre, dass jeder irgendwann sterben muss. Dagegen gibt es bislang keine Argumente. Das gilt auch für Silvio Berlusconi -er ist nur ein Beispiel für viele machtgierige Menschen, der in sich das Alter und seine Schwäche spürt. Dieses Gefühl bekämpft er mit Machtausübung. Für Berlusconi sind Leben und Macht das gleiche. Aber auch er wird seinen persönlichen Kampf mit dem Tod (wie auch der Brandner Kasper) nicht gewinnen. So wie es im Moment aussieht, verliert er jetzt Macht. In seiner Vorstellung verliert er dadurch Leben.

Nur wer gelebt hat, kann loslassen

Am Ende möchte ich auf den Satz eingehen, der für depressives Denken typisch ist:

Es lohnt sich nicht, sich anzustrengen, wir sterben ja doch alle!

Wenn Sie den Satz versuchen zu denken, werden Sie merken, dass er in Ihrem Gefühl Schwere, Hoffnungslosigkeit und Resignation auslöst. Man könnte das auch ganz anders deuten. Z.B.: Da wir am Ende ja doch alle sterben, könnten wir jetzt so richtig los legen! Uns ausprobieren, mit dem Leben experimentieren, Leben wagen und zwar richtig. So, dass es Freude macht. Endlich „ja“ zum Leben sagen. Fühlen, Erfahrungen machen, bis der Arzt kommt. 

  

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