Lass dich führen, lass dich verführen…Geschichte

erstellt am: 25.05.2013 | Kategorie(n): GESCHICHTEN, lass dich verführen...Geschichte

Lass dich führen, lass dich verführen, hier und jetzt. Lass dich entführen an einen anderen Ort, weit weg von hier. Dorthin, wo sich gerade etwas ereignet von dem du eigentlich nichts wissen kannst.

Eine Frau steht am Strand, die Sonne ist fast gesunken, es ist dämmrig. Das dunkle Grün des Wassers verwandelt sich in tiefes Schwarz. Ein rauer, kalter Wind zerrt an dem grauen Haar der Frau und an ihrer Jacke. Der Wind stört sie nicht. Sie ist den starken Wind gewohnt, von Anfang an, schon immer.

Der Blick der Frau geht weit in die Ferne über das finstere Wasser bis zum letzten Lichtschein der sinkenden Sonne und darüber hinaus.

Es ist schwer im Gesicht dieser Frau zu lesen. Das Leben hat tiefe Linien über ihre Stirn gezeichnet, zwischen Nase und Mund und viele kleine Linien rund um die Augen. Ihre Miene ist weder heiter noch traurig. Sie wirkt konzentriert und doch abwesend, in Gedanken weit, weit weg.

Der Lärm der rhythmisch schlagenden Wellen ist ohrenbetäubend. Aber sie hört es nicht. Es scheint, als wären die Geräusche ihres Herzens heute lauter. Als würde sie, vielleicht zum allerersten Mal, über ihr Leben nachdenken.

Heute hat sie einen Brief bekommen. Sie ist furchtbar erschrocken, als sie den Absender las. Der Name war ihr wohlbekannt. Es war der Name des Mannes, den sie vor mehr als vierzig Jahren sehr geliebt hatte. Sie musste sich setzen und fiel in Erinnerung, während sie ungeschickt den Umschlag öffnete.

Die Zeiten waren sehr schlecht und sie beide waren so jung. Und so verliebt. Er sprach oft vom Fortgehen. Viele gingen damals fort, suchten ihr Glück und Überleben in einem anderen Land. Ihr machte der Gedanke Angst, wegzugehen in die Fremde ohne ihre Familie. Ihr fehlte der Mut und er versprach bei ihr zu bleiben. Viele Schiffe kamen und liefen aus, an Bord, Menschen voller Furcht und Hoffnung.

Dann kam der Tag, dieser schreckliche Tag. Mit der Erinnerung kam das Gefühl, als wäre es gestern gewesen. Er war nicht mehr da! Sie suchte ihn an allen Plätzen, die ihnen vertraut waren. Aber sie fand ihn nicht. Schließlich fasste sie sich ein Herz und ging zu seiner Familie. Die Mutter öffnete mit rot verweinten Augen die Tür und ungefragt sagte sie, dass er fort wäre. Auf das Schiff gegangen und fort.

Die Zeit danach erlebte sie wie in Trance, nur so konnte sie den Schmerz ertragen. Sie hatte viele Fragen und keine Antworten. Mit der Zeit kam das Leben. Sie heiratete und bekam drei Kinder. Sie arbeitete viel und schwer, einfach weil die Arbeit da war. Sie funktionierte. Der Mann an ihrer Seite, seit Jahrzehnten, war ihr vertraut und fremd. Die Kinder waren ihr inzwischen seltsam entwachsen.

Ihr Mann hatte sie stets gut behandelt, es gab keinen Grund zur Klage. Irgendwie kamen sie über die Runden. Und immer hat etwas gefehlt, sie konnte nicht sagen, was es war. Vielleicht hat sie sich die Frage nie gestellt. Ein Gefühl von Fremdheit im eigenen Leben? War ich das, die mein Leben gelebt hat? Habe ich das Leben einer anderen Person gelebt?

Jetzt steht sie hier, denkt über all das nach. Sie kramt in ihrer Jackentasche und zieht den Brief heraus. Sie drückt ihn fest an die Brust. Nach dem sie den Brief gelesen hatte, wusste sie, was ihr all die Jahre gefehlt hatte.

Liebe Maggie,

schon seit einigen Monaten bin ich sehr krank und habe viel Zeit über mein Leben nachzudenken. Die Vergangenheit wird lebendig und ich muss dauernd an dich denken. An die Nacht, in der ich an Bord des Schiffes ging, das mich unendlich weit fort gebracht hatte. Ich war jung und voller Lust auf Abenteuer und da stand das Schiff. Es versprach Neues, Besseres, Aufregung und Glück. Ich sah mich als Cowboy. Bei Gott, schon nach einem Tag wusste ich, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Ich vermisste dich, so wie ich dich die meiste Zeit meines Lebens vermisst habe. Doch es war zu spät umzukehren. In den ersten Jahren hatte ich nicht das Geld für die Rückfahrt. Ständig war ich auf Arbeitssuche, habe alles mögliche gemacht. Später fand ich eine gute Arbeit und irgendwann habe ich sogar geheiratet. Aber wir waren nicht sehr glücklich miteinander. Ich weiß gar nicht mehr, wann wir uns getrennt haben. Zurück konnte ich nicht mehr. Sicher bist du verheiratet, vielleicht glücklicher als ich es war.

Es ist mir heute so wichtig, dass ich dir das sage. Ich bitte dich um Verzeihung. Bitte verzeihe mir, dass ich damals ging. Ich weiß, dass ich dir sehr weh getan habe, dich im Stich gelassen habe. Das tut mir Leid. Ich habe es bitter bereut.

Trotz der vielen Meilen, die du entfernt bist, kann ich dein verzeihendes Herz spüren.

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Auch diese Kurzgeschichte hat mich wieder berührt.

Du schaffst es, den emotionalen Schmerz und Sehnsüchte der Menschen mit genau den richtigen Worten (jedenfalls für mich) auszudrücken.

Für mich ist es jedes Mal ein Genuss, mich in deine Geschichten zu begeben.

Ich wäre übrigens eine der Ersten, die dein Buch kaufen würde 🙂

Herzliche Grüße

Franziska

Eine unspektakuläre Situation und dennoch tiefe, reife Gefühle. Diese Gefühle zu beschreiben, ohne
dabei pathetisch oder schmalzig zu werden, ist eine Gratwanderung. Es reizt mich.
Falls es ein Buch zu kaufen gäbe, wärst Du die Erste, die davon erfährt!