Eine Geschichte von Einfachheit

erstellt am: 01.03.2013 | Kategorie(n): GESCHICHTEN, Eine Geschichte von Einfachheit-Geschichte

 

 

Wir leben in wirtschaftlich unsicheren Verhältnissen, das lässt Ängste entstehen. Existenzängste, Angst vor Verlust von Arbeitsplatz, Lebensstandard, Annehmlichkeiten etc. Diese Ängste machen ungeheuer Stress und Druck auf jeden einzelnen. Wenn wir uns gedanklich von der Möglichkeit wider Willen in Armut zu fallen, distanzieren könnten. Dafür die Möglichkeit setzen könnten, freiwillig und bewusst in Einfachheit zu gehen, würden unsere Ängste deutlich abnehmen. Ein freiwilliger Akt setzt eine Entscheidung voraus und löst keine Ängste aus. Und dass Einfachheit faszinierend sein kann, soll Ihnen die folgende, wahre Geschichte zeigen.

P1000804Vor vielen Jahren lebte ich in Braga/Nordportugal. Damals war das Leben in Portugal sehr billig und so ging es uns, wirtschaftlich gesehen, sehr gut. Ein Kollege meines Mannes erzählte von einem alten Mann, der manuelische Skulpturen aus Stein machte. Der alte Mann war mit seiner Familie, wie viele andere Portugiesen nach der Nelkenrevolution, nach Brasilien gegangen. Inzwischen war er, weil er „saudades“ (Sehnsucht) nach der alten Heimat hatte, zurückgekehrt. Wir ließen uns die Adresse geben und machten uns an einem Samstagvormittag auf den Weg.

Von Braga aus fuhren wir in nördliche Richtung. Nach Ponte de Barca ging es westlich in Richtung spanische Grenze, die hier ganz nah ist. Noch in den 90er Jahren war die Gegend eine andere Welt und ich denke, dass sich bis heute daran nichts geändert hat. Die Straßen schmal und voller Schlaglöcher, Beschilderungen nicht vorhanden. Zersiedelte Gegend, wenig Orte mit Namen, keine Straßenbezeichnungen. Zwischen Ponte de Barca und Arcos de Valdevez fuhren wir nach Gefühl, unsere einzige Orientierung war der Rio Lima. Irgendwann hatte die Odysee ein Ende und wir fanden das Haus von Senhor Manuel und seiner Frau Dona Maria Augusta.

Das Auto mussten wir stehen lassen, ein Fußpfad führte hinauf zu dem Haus. Ein einfaches, kleines Haus stand ganz allein auf dem Hügel. Ringsherum der Blick frei auf das grüne Land. (Der Landstrich ist der regenreichste im ganzen Land.) Wenige Bauernhäuser standen im Umland und in der Weite sah man die spanischen Berge. Neben dem Haus stand ein großer, grober Tisch aus Stein, das war Senhor Manuels Arbeitsplatz.

Wir wurden von dem Ehepaar, die beiden durften gut über siebzig gewesen sein, freundlich begrüßt und ins Haus gebeten. Wir standen in einem kleinen Korridor, in dem sich ein Waschbecken befand, wahrscheinlich das Badezimmer der Hauses. Senhor Manuel führte uns nach rechts in das gute Zimmer, das die beiden sicher selten nutzten. Das Zimmer war eingerichtet mit den typischen, portugiesischen Möbeln aus dunklem Holz. Und da die Gastfreundschaft ein heiliges Gebot in Portugal ist, bot uns Senhor Manuel Portwein an. Es war vielleicht 10 Uhr vormittags und ich hatte zwei muntere Kinder im Alter von 2 und 4 Jahren dabei. Verantwortungsbewusst, wie ich nun mal bin, lehnte ich ab. Mir war klar, dass das zu einem Problem werden konnte, da die Ablehnung angebotener Speisen und Getränke oft als Kränkung empfunden werden. Senhor Manuel insistierte, ich lehnte weiter ab, berief mich auf die kleinen Kinder. Senhor Manuel war beleidigt, fand im Schrank noch eine Flasche Whiskey und bot mir diesen an. Ich war ziemlich verzweifelt, da betrat seine Frau den Raum und fragte:“Möchten Sie Kaffee?“ Und ich sagte:“Ja!“ Die Dame hatte mich aus einer sehr unangenehmen Situation befreit, ich war ihr dankbar.

p1020679Sie ging mit den Kinder und mir in den Raum auf der anderen Seite des Korridors. Es war die Küche. Es war als würden wir in eine andere Zeit eintreten. Der Raum war quadratisch, zwei kleine Fenster ließen nur wenig Licht einfallen. Der Boden war gestampfte Erde, die Wände grob und ungleichmäßig weiß gestrichen. Der offene Kamin war sehr groß, er war wohl auch die Kochstelle, da es keinen anderen Herd gab. Ein offenes Regal mit einem Vorhand davor, ein kleiner Tisch und ein paar dreibeinige Hocker aus Holz. Das Feuer im Kamin brannte und warf ein warmes, bewegtes Licht in das Zimmer.

Dona Maria Augusta stellte ein Metallgestell in das Feuer, befüllte die Schraubkanne mit Wasser und Kaffee und platzierte die Kanne auf dem Metallgestell. Das alles tat sie in völliger Ruhe, ohne ein Wort, mit einem Lächeln auf den Lippen. Meine beiden Töchter rührten sich nicht von der Stelle. Mit weit aufgerissenen Augen und Mündern standen sie da und gaben keinen Laut von sich. Ein echtes Wunder! Stille herrschte in dem Raum und auch von außen drangen keine Geräusche in die fremde, schöne und faszinierende Atmosphäre. Wir saßen auf den viel zu kleinen Hockern und die alte Frau erzählte über ihr Leben, hier in Portugal und in Brasilien. Über die Sehnsucht nach der Heimat und die Sehnsucht nach ihren Kindern, die in der Ferne geblieben sind. Ich hörte das Wasser in der Kanne aufkochen und zischend nach oben steigen. Die Herzlichkeit mit der mir Maria Augusta den Kaffee in eine abgeschlagene Tasse einschenkte und vor mich hinstellte, beschämte und berührte mich auf seltsame Weise. Ich trank den besten Cafezinho meines Lebens und löffelte den Zucker aus einem großen Topf.

Als wir später nach Hause kamen in unser großzügiges Haus mit Heizung und Einbauküche fühlte ich mich unzufrieden, ja fast sogar ein bisschen traurig und spürte eine große Sehnsucht nach der Einfachheit.

 

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Danke für die schöne Geschichte, die uns wieder einmal zeigt, was wirklich wichtig ist 🙂

Vor einigen Wochen besuchte ich einen kranken Verwandten in seinem Haus. Der 65-jährige Rentner klagte über die Politik, schimpfte über das Wirtschaftssystem und den „bösen“ Kapitalismus. Früher hatte er über die Bonzen und Planwirtschaft der DDR gejammert.

Ich stellte ihm insgesamt 3 Mal die gleiche Frage, bis er mir zuhörte: „Bist du krankenversichert?“

Er musste wohl bemerkt haben, dass er keine wirklichen Probleme hat, denn sein Schimpfen und Klagen hörte für eine Zeitlang auf 🙂

Die Unbewusstheit mancher Menschen tut richtig weh. Und das Festhalten an uralten, knöchernen Gerüsten, tut noch mehr weh. Bei älteren Menschen habe ich noch Verständnis, wenn der gleiche Text von jungen Menschen kommt, wird es eng, mit dem Verständnis.
Danke, Franziska. Gruß Bettina