Ein Haken am Buddhismus

erstellt am: 13.02.2013 | Kategorie(n): ARTIKEL, Ein Haken am Buddhismus

Die Lehre der Achtsamkeit

Buddha3Die Lehren des Buddhismus sind ein Segen für die westliche Welt. Schon der Begründer der Gestaltherapie Fritz Pearls integrierte viele buddhistische Elemente in seinem Verfahren. Die Achtsamkeitsübungen und Gedankenkontrolle aus der Kognitiven Verhaltenstherapie sind Grundpfeiler des Zen Buddhismus. Die Achtsamkeit gegenüber den eigenen Gedanken und Gefühlen gibt jedem Menschen die Möglichkeit ein selbstbestimmtes, ausgeglichenes Leben zu führen.

Der Weg zur Erkenntnis, dass wir nicht unsere Gedanken sind, ist zugegeben steinig, aber jede Mühe wert. Durch Achtsamtkeit lernt jeder Mensch sich selbst kennen, seine Gedanken, Gefühle und Verhaltensmuster und kann sie so zu seinen Gunsten beeinflussen. Wenn es nach mir ginge, wäre „Achtsamkeit“ ein Pflichtfach in jeder Schule, von der 1. Klasse an. Aber leider fragt mich niemand. Stellen Sie sich vor, wie viele Störungen und schlechte Befindlichkeiten erst gar nicht entstehen würden!

Die Fähigkeit des Loslassens

Auch das „Loslassen“ ist ein wichtiger buddhistischer Aspekt. Ein Mensch, der alle Belastungen aus seiner Vergangenheit konsequent mit in die Zukunft nimmt, schleppt sich, bildlich gesprochen, mit einem Rucksack voller Steine ab. Und immer wieder kommt ein weiterer Stein dazu. Dieser Mensch hat ein schweres Leben.

Das Loslassen der Vergangenheit verschafft neue Kraft, Freude und Leichtigkeit, die wir für den Weg des Lebens benötigen. Der Buddhismus sagt:“Ein Mensch ist dann alt, wenn er nur noch in der Vergangenheit lebt.“ Die überzogene Beschäftigung mit vergangenen, überlebten Themen gibt uns das Gefühl alt zu sein, schwach zu sein. Die Fähigkeit los zu lassen, ist jedem Menschen gegeben. Wir können Gelerntes (Leid) wieder verlernen.

Die mächtige Kraft der eigenen Vorstellung

ImaginationEin weiteres wichtiges Instrument der buddhistischen Lehren ist die „Kraft der Vorstellung“. Auch der Schamanismus arbeitet mit diesem Werkzeug.

Eine bekannte Übung ist, sie stellen sich zwei Minuten lang einen schönen Moment, vielleicht aus Ihrem letzten Urlaub vor, ein Strandspaziergang, die Erklimmung eines Gipfel oder ein wunderschöner Sonnenuntergang. Dann stellen Sie sich vor, Sie sind auf dem Schiff von Christoph Columbus, das Schiff ganz aus Holz, die Wellen, die gegen den Bug klatschen und endlich nach langen Wochen auf See ist Land in Sicht. Sie und die ganze Mannschaft geraten in Aufregung, voller Neugierde auf das unbekannte Land. Bleiben Sie auch hier zwei Minuten in der Vorstellung. Wechseln Sie dann wieder für zwei Minuten in Ihre Urlaubsvorstellung. Wechseln Sie noch zwei Mal zwischen diesen beiden Vorstellungen und prüfen Sie danach Ihre Erinnerung. Welche der beiden Vorstellungen erscheint Ihnen intensiver, realistischer? Probieren Sie es aus, es ist verblüffend!

Tatsächlich ist es so, dass unser Gehirn zwischen Realität und intensiver Vorstellung nicht unterscheiden kann, die biochemischen Prozesse sind die gleichen. Wenn Sie in schwierigen Situationen eine Vorstellung finden können, die Sie in das Gefühl bringt, als hätten Sie die schwere Zeit schon überwunden, hilft Ihnen Ihr Gehirn auf wunderbare Weise. Auch Affirmationen oder Meditation können Ihnen über die Kraft der Vorstellung aus der Krise helfen.

Viele weitere Aspekte lasse ich jetzt offen, ich wollte mit der Ausführung nur klarstellen, dass der Buddhismus für mich persönlich und in meiner Arbeitsweise ein großer Schatz ist.

Jetzt kommt der Haken

P1000773Ein Problembereich ist für mich die buddhistische Konfliktlösung. Wirklich jedem Menschen freundlich zu begegnen, dem Feind gefällig zu sein, Vorwürfe, Forderungen und Schuldzuweisungen zu vermeiden, setzt -in meiner Welt- eine große Abgeklärtheit mit sich selbst und der ganzen Welt voraus. Eine Abgeklärtheit und Liebesfähigkeit wie Jesus Christus sie hatte und einige Erleuchtete.

Von einem Normalsterblichen, wie ich es z.B. bin, wird hier zu viel erwartet. Im Augenblick von aktiven Angriffen oder Verletzungen unserer Person in diese Form der Passivität zu gehen, kann ich nicht für gut heißen.

Statt wehrhaft für sich einzutreten, Vorwürfe zu formulieren (was nicht einfach ist!), für sich Recht einzufordern oder eine Situation zu klären, indem man die Schuld dahin verweist, wo sie hingehört, in vollkommene Passivität zu verfallen, ist keine adäquate, gesunde Reaktion.

Diese Passivität vermittelt dem Betroffenen ein Gefühl von Ohnmacht, Machtlosigkeit und Hilflosigkeit. Der Mensch fühlt sich nicht handlungsfähig und dem Aggressoren ausgeliefert. Das sind sehr mächtige, negative Gefühle, die keinem Menschen in seiner Entwicklung hilfreich sind, im Gegenteil. Eher vermitteln sie ihm das Gefühl fremd und unwirksam im eigenen Leben zu stehen.

Sehr viel gesünder ist es, einen Vorwurf zu formulieren, wenn der Anlass gegeben ist. Sie sind sich selbst viel näher, wenn Sie Ihre Rechte einfordern. Klären Sie Schuldzuweisungen! Es gibt Menschen, die ganz locker aus dem Handgelenk Schuldgefühle über ihre Mitmenschen ausstreuen ohne einmal darüber nachzudenken, was sie da tun. Weisen Sie die Schuld zurück-zurück an den Absender! Solche Klärungen sind enorm entlastend und geben Ihnen das Gefühl wirksam für sich selbst zu sein.

 

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Hallo Bettina,

da stimme ich dir voll zu. Achtsamkeit ist nach meiner Erfahrung eine Grundlage für psychische Gesundheit.

Nicht umsonst werden die Achtsamkeitsbasierten Therapien nach dem Behaviorismus und der Kognitiven Wende als 3. Welle der Verhaltenstherapie gehandhabt.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es gerade Frauen schwerfällt, ihre Meinung zu sagen oder für sich einzustehen. Da werden oftmals noch viel Ärger, Enttäuschungen oder Ungerechtigkeiten „runtergeschluckt“ und das ist auf Dauer sicherlich nicht gesund.

Insofern ist es gesünder, seine Rechte, Wünsche und Forderungen angemessen durchzusetzen und auch mal seinen Unmut deutlich zu zeigen.

Und da könnte uns praktizierte Achtsamkeit weiterhelfen, indem wir beispielsweise unsere Wut wahrnehmen, die dazugehörigen Gefühle (im Körper) beobachten und damit Abstand gewinnen.

Und dann der verletzenden Person mit einer „inneren Gelassenheit“ deutlich sagen, dass man so nicht behandelt werden möchte.

Oder sich auch mal zu trauen, „Nein“ zu sagen, wenn wieder mal jemand in der Schlange vor der Kasse eben mal schnell vorgelassen werden möchte.

Mir fällt das manchmal immer noch schwer, aber mit regelmäßigen Achtsamkeitsübungen wird das immer leichter :-).

Liebe Grüße

Franziska

Liebe Franziska,
vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich liebe Bestätigung von kompetenter Stelle, wusstest Du das?! Die Unterdrückung wütender, zorniger Gefühle taucht in vielen meiner Artikel auf. Wir sind eine Gesellschaft des Unterdrücken und Verdrängens und gerade deshalb schießt oft enorme Gewalt unvermittelt nach oben. Immer dann wenn Unterdrücken und Verdrängen nicht mehr funktioniert. Oder richtet sich gegen sich selbst. Es stimmt, dass es meist Frauen sind, die ihre Wut nicht zeigen oder wenigsten formulieren können. Dennoch sehe ich den gleichen Vorgang an Männern, die ihre inakzeptablen wütenden Anteile kompensieren. Gleicher Vorgang, anderes Kleid.
Danke Franziska und liebe Grüße
Bettina

Liest sich sehr gut. Aber schwierig oder?
Also sämtliche Wünsche und Begierden aufgeben? Oder was heisst das?
Liebe Grüsse Hubertus

Lieber Hubertus. Natürlich sollst oder musst Du nicht Wünsche und Begierden aufgeben! Im Artikel habe ich beschrieben, was ich im Buddhismus gut finde. Und der Haken im Buddhismus ist die Konfliktlösung! Dem Buddhismus folgend, können wir Dinge in unserem Leben zunächst mal akzeptieren, z.B. Traurigkeit oder mangelnden Erfolg. Was im Prinzip nichts anderes heißt, als das zu akzeptieren, was in mir gerade vorhanden ist, anstatt sie abzulehnen, weil ich damit einen Teil von mir selbst ablehne.
Die Selbstablehnung ist ein schwacher Ausgangspunkt um etwas zu ändern, hier kämpfen wir gegen uns! Aber nach der Akzeptanz kann ich beginnen Lösungen für mein Problem/Situation zu finden. Jederzeit im Einklang mit uns selbst, authentisch sind wir stärker.
Es steht für uns Sterbliche nicht an, heiliger als der Pabst zu sein. Wünsche, Ziele und Sehnsüchte sind ein wichtiger Teil Deiner und meiner Persönlichkeit, der nicht aufgegeben werden muss!
LG Bettina

Ja der Haken ist eben der Buddhismus – es dreht sich eben nicht um das vergängliche Ich/Ego es geht um viel mehr um Das Sterben! Den wir haben hier auf Erden nur diese eine Gewissheit – Wir werden sterben!

Der Buddhismus geht von Reinkarnation aus. Den Tod in diesem Sinne gibt es nicht.
Übrigens sind sich alle großen Religionen einig (was selten ist), dass unsere Seele
unsterblich ist. Wir sterben um zu leben. LG Bettina