Eine Weihnachtsgeschichte-Die Macht der Erinnerung-Geschichte

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Die Stadt vibrierte, nur noch drei Tage bis Heiligabend. Ich schlenderte durch die Innenstadt. Schaufenster leuchteten grell und aus allen Richtungen tönten Weihnachtslieder. Herrenchöre, Kinderchöre und Life-Aid verschmolzen zu einem undefinierbaren Durcheinander. Das Ho-ho-ho-Geplärre der polyesterbärtigen Weihnachtsmänner gab mir den Rest. Oft war mir aufgefallen, dass sich Kleinkinder beim Anblick dieser Ungetüme vor Angst in ihren Kinderwägen bogen oder sich in Mutters Jacke verkrallten. Diese Weihnachtsmänner gehören verboten, sie traumatisieren kleine Kinder! Mein einziger Trost war, dass alle anderen Menschen auf der Straße nicht glücklicher aussahen als ich.

Silvia hat mich letzten Montag verlassen. Sie erklärte recht nüchtern, dass sie meine Verschlossenheit und schlechte Laune nicht länger ertragen könnte. Mit so einem kommunikationslosen Menschen könne niemand eine Beziehung führen. Komischerweise hat mich ihr Gehen in diesem Moment kaum berührt. Ich machte keine Szene, bettelte nicht zu bleiben. Nein, ich redete mir ein, dass ich schon immer wusste, dass dieser Tag kommen musste. Und 24 Stunden später litt ich wie ein Hund.

Seitdem zogen sich die Arbeitstage im Fotogeschäft wie ein zäher, geschmackloser Kaugummi. Eigentlich ein Wunder, dass ich bis dorthin gekommen war, denn schon das Aufstehen gestaltete sich als kolossaler Kraftakt. Werde ich es morgen wieder schaffen? Das macht mir richtig Angst!

Der Einzige, mit dem ich über Silvias Abgang gesprochen habe, ist mein Freund Martin. Der meinte ganz cool:“Früher warst du ein Langweiler, jetzt bist du ein langweiliger Trauerkloß. Die Kombination ist schier unerträglich.“ Dieses Gespräch hatte mir nicht geholfen.

Mit diesen Gedanken schlürfte ich wie ein Fremdkörper weiter durch die elektrifizierte Weihnachtsidylle, als mich plötzlich Panik packte.

Werde ich bis zum Ende meiner Tage wie ein Außerirdischer durch die Gegend laufen? Werde ich bald nicht mehr die Kraft haben, das Bett zu verlassen und meinen Job verlieren? Werde ich aufhören mit Menschen zu sprechen? Werde ich zum einsamsten Menschen auf dieser Welt? Mir wurde heiß und heißer, mein Herz raste, ich begann schneller zu gehen, verließ die Hauptstraße. Ich sah die Bank in der kleinen Parkanlage, ich ging darauf zu und setzte mich. Mein Puls raste noch immer. Ich versuchte tief zu atmen. Die Panik hat mich zutiefst verunsichert und erschreckt, genauso wie meine Gedanken. Diese Mutlosigkeit, diese Endzeitstimmung! Was war los mit mir? Ich bin 36 Jahre alt und am Ende angekommen?

Neben der Parkbank stand ein Baum, ich erkannte eine kleine Buche, auch ohne Laub. Mit Bäumen kenne ich mich aus. „Etwas muss geschehen und zwar schnell“, murmelte ich mir selbst zu.  Aber was? Wieder sah ich den Baum an, seine Nähe war mir sehr angenehm, fast beruhigend. Plötzlich hatte ich eine Idee. Der Baum erinnerte mich an den Ort, an dem ich geboren und aufgewachsen war. Das Dorf mit 150 Seelen. Ich spürte Sehnsucht. Seit acht Jahren waren ich nicht mehr in Bergham. Nachdem meine Eltern verstorben waren, gab es für mich keinen Grund mehr, dorthin zu fahren. Doch jetzt schien mir nichts wichtiger, als mein Heimatdorf aufzusuchen. Dieser Gedanke sprang mich förmlich an und ich wurde hektisch. Meine Lethargie wich einer Hysterie.

Nachts konnte ich schlecht einschlafen, dafür war das Aufstehen am Morgen ein Kinderspiel. Wie immer fuhr ich mit dem Bus ins Fotogeschäft. Meine Chefin Inge war durch ihr loses Mundwerk bei Personal und Kundschaft gleichermaßen gefürchtet. Ich hing meine Jacke auf den Haken und rief Inge todesmutig zu:“Inge, ich brauche einen Tag Urlaub.“ Inge drehte sich ruckartig zu mir und schrie:“Bist du bescheuert, mitten im Weihnachtsgeschäft!“ Damit hatte ich gerechnet, ich flüsterte ihr ins Ohr:“Ich glaube, ich werde verrückt. Wenn du mir den Tag nicht frei gibst, springe ich von irgendeiner Brücke.“ Vielleicht hat Inge meine Mutation vom Langweiler zum langweiligen Trauerkloß in den letzten Tagen beobachtet. Auf jeden Fall sah sie mir scharf in die Augen und zischte:“Geh schon! Aber morgen bist du wieder da!“

Eine Stunde später saß ich in meinem alten Golf, der genauso fertig aussah, wie ich mich fühlte. Ich fand, dass wir nie so gut zusammen gepasst hatten wie heute. Zuerst fuhr ich ein Stück über die Autobahn, danach weiter auf der Landstraße. Die Fahrt dauerte kaum mehr als eine Stunde und ich fragte mich, warum ich acht Jahre lang nicht hier war. Nicht weit hinter dem Ortsschild parkte ich mein Auto. Die Geborgenheit des vertrauten Ortes umfing mich. Die sanften, bewaldeten Hügel um das Dorf beruhigten meine Augen. So ging ich los und kam auf den Dorfplatz, in dessen Mitte -wie jedes Jahr um diese Zeit- eine große Tanne stand und ich konnte mich darauf einigen, dass das genau die Dosis Weihnachten war, die ich ertrug.

p1010817Ich bog in die kleine Gasse und stand schon vor meinem Elternhaus. Mein Bruder und ich entschieden damals, das Haus nach dem Tod der Eltern zu verkaufen. Keiner konnte sich vorstellen, jemals wieder in dem verschlafenen Nest zu wohnen. Jetzt stolperten tausend Erinnerungen durch meinen Kopf und ich hätte das Haus gerne betreten, wäre durch jede Tür gegangen und hätte durch jedes Fenster nach draußen gesehen. Aber nun wohnten andere Menschen darinnen und die Atmosphäre wäre nicht die meiner Familie.

Wie ein Blitz fiel mir meine Großmutter ein, sie starb Jahre vor den Eltern. Meine Oma! Wenn es einen Menschen gab, der mich wirklich geliebt hatte, dann war es meine Oma. Das Haus der Großmutter lag außerhalb des Dorfes. Als Kind bin ich diesen Weg fast täglich gelaufen. Diesen Weg bin ich gehüpft, gesprungen, auf einem Bein oder zwei, bei jedem Wetter und immer hat sich die Oma gefreut, wenn ich vor der Tür stand. Mal gab es Kuchen, mal ein Marmeladebrot. Sie zeigte mir den Wald, die Bäume, Pilze und Beeren. Nie war es langweilig und stets gab sie mir das Gefühl, der wichtigste Mensch in ihrem Leben zu sein.

Ohne, dass es mir bewusst war, war ich schon auf dem Weg, vorbei an niedrigen, alten Bauernhäusern, Gärten und Ställen. Der Weg stieg ein wenig an und mir war, als kannte ich jeden Stein auf den ich trat. Jeder Baum und jede Biegung des Weges waren ein Teil von mir. In mir fühlte ich die kindliche, freudige Erregung mit der ich diesen Weg unzählige Male gegangen war. Meine Schritte wurden schneller und ich war aus der Puste, als ich vor dem alten Haus stand. Bei dem Anblick stiegen mir Tränen in die Augen. Das Haus war stark verfallen, Scheiben zerbrochen, die Fenster mit Brettern vernagelt und trotzdem so vertraut.

 P1010622Ich ging die zwei Stufen hoch und legte die Hand auf die Haustür. Da hörte ich Holz knarren und eingehüllt in weißem Nebel öffnete sich die Tür und in der Tür erschien meine Großmutter. Ihre Haut hatte einen bläulichen Schimmer, ihre Haare glichen silbernen Fäden. Freudestrahlend kam sie mir entgegen, in ihren Augen lag tiefe Liebe und Mitgefühl. Sie hob die Hand, legte mir zwei Finger auf die linke Wange und sprach mit warmer Stimme:“Ich bin so glücklich, dass du gekommen bist um mich noch einmal zu sehen!“ Im nächsten Augenblick entschwand sie im Nebel und die Tür schloss sich.

Keuchend und schwankend trat ich einen Schritt zurück und setzte mich auf die Stufen. Meine Knie und Hände zitterten, kalten Schweiß stand mir auf der Stirn und das T-Shirt klebte auf meinem Rücken. Ich versuchte tief und gleichmäßig zu atmen, versuchte das Erlebte zu durchdenken, was mir aber nicht gelang. Innerhalb weniger als einer Minute stellte sich ein überwältigendes Gefühl von Trost und Hoffnung ein. Die zwei Finger meiner Großmutter auf der Wange konnte ich noch immer spüren. Verschwunden war all die Hoffnungslosigkeit, die Leere und das Verzagen. Tränen der Erleichterung liefen über mein Gesicht, als ich mich auf den Rückweg machte. Die Tränen genierten mich nicht, im Gegenteil, es war, als würde ich große Last abladen. Zurück blieb Leichtigkeit.

p1000473Leichter auch die Vorstellung mein Leben in Zukunft anders zu gestalten. Mit Menschen in Kontakt zu treten, Kontakte zu pflegen. Empfindungen teilen. Ich wusste, ich würde nie aufhören, mit Menschen zu sprechen.

Der Himmel war wolkenverhangen, als ich den Dorfplatz erreichte und die Lichter auf der Tanne brannten – und – ich fand es schön.

 

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Hallo Bettina,

deine Weihnachtsgeschichte hat mich total reingezogen. Nach jedem Absatz wollte ich unbedingt wissen, wie es weiter geht.

Ich war praktisch mit dem Protagonisten in Bergham 🙂

Danke für diese tolle lebendige Kurzgeschichte.

Herzliche Grüße

Franziska